Was die Akten erzählen — und
was sie verschweigen.
Die Geschichte der Saßnitzer Schützengilde ist die Geschichte einer Stadt am Rand des Reichs, einer untergegangenen Republik, eines erzwungenen Schweigens — und eines stillen Wiederbeginns.
Eine Chronik mit Lücken.
Wer die Geschichte der Saßnitzer Schützengilde 1927/1990 e.V. ehrlich erzählen will, muss zugeben: Vieles wissen wir nicht. Das Vereinsbuch der ersten Jahre liegt — falls überhaupt erhalten — irgendwo in Privatbesitz. Die Akten der DDR-Zeit sind verstreut auf Bundesarchiv, Landesarchiv Greifswald und Stadtarchiv Sassnitz.
Was wir tun können: Die belegten Daten zusammentragen, den historischen Rahmen seriös beschreiben und ehrlich kennzeichnen, wo die Quellen schweigen. Vier Akte mit dem, was wirklich bekannt ist.
Eine Gilde am Fährort.
Im Jahr 1927 ist Saßnitz noch keine Stadt — das wird der Ort erst dreißig Jahre später, am 1. Januar 1957, werden. Aber er ist längst kein Fischerdorf mehr. Seit 1906 sind die einst getrennten Gemeinden Crampas und Saßnitz vereinigt, seit 1909 verlassen täglich Trajektschiffe den Hafen Richtung Trelleborg.
In diesem Klima entsteht im Jahr 1927 die Saßnitzer Schützengilde. Das Gründungsdatum ist im Vereinsnamen verewigt, das Gründungsprotokoll selbst ruht vermutlich noch im Vereinsregister des Amtsgerichts Stralsund.
Die alte Schreibweise mit ß im Vereinsnamen bewahrt die Erinnerung an ein Saßnitz, das es so nicht mehr gibt.— Zur Namensführung
Was wir mit Sicherheit sagen können: Schützenvereine waren in der Weimarer Republik außerordentlich populär. Allein auf der Insel Rügen entstanden in dieser Zeit mehrere Gilden — die Schützengilde Binz, zwei Jahre zuvor gegründet, ist nur ein Beispiel.
Vom Verbot bis zum Vergessen.
Was 1945 begann, vollendete die DDR in den frühen 1950er Jahren: Die Auflösung der bürgerlichen Schützenvereine. Schießsport blieb in der DDR weiterhin erlaubt — aber organisiert über die GST, die Gesellschaft für Sport und Technik, gegründet 1952. Die alten Gilden mit ihren Traditionen, Fahnen und Königsschießen passten nicht in dieses Bild.
Wann genau die Saßnitzer Schützengilde aufgelöst wurde, ist Teil der Lücke, die diese Chronik bewusst stehen lässt. Vergleichbare Vereine auf Rügen verloren ihre Selbstständigkeit zwischen 1945 und 1953.
Vierzig Jahre lang gibt es keine Akten, weil es vierzig Jahre lang keinen Verein gab.— Das stille Kapitel
Das wiedergegründete Vereinsleben ab 1990 hat sich bewusst entschieden, diese Phase nicht zu überspringen: Die Doppel-Jahreszahl 1927/1990 trägt die Lücke im Namen.
Der Neubeginn auf alten Wurzeln.
1990 ist ein Jahr der Vereinsgründungen. Im Frühjahr fällt die Mauer politisch — und in den Monaten danach entstehen überall im Osten Deutschlands die alten bürgerlichen Vereine neu. Die Saßnitzer Schützengilde wählt die elegante Lösung: 1927/1990. Beide Wurzeln werden anerkannt.
Das Muster ist auf Rügen typisch. Die Schützengilde Binz 1925/1991 e.V. wenige Kilometer südlich folgte demselben Prinzip — ein Jahr versetzt, aber mit derselben Logik.
Die Doppel-Jahreszahl ist mehr als ein Datum. Sie ist ein Bekenntnis.— Zum Vereinsnamen
Die konkreten Umstände der Saßnitzer Wiedergründung sind ein Kapitel, das noch geschrieben werden muss. Die Zeitzeugen leben: Was vor 36 Jahren geschah, kann erzählt werden, wenn die Beteiligten gefragt werden.
Eine aktive Gilde im Kreisbund Vorpommern-Rügen.
Heute, fast hundert Jahre nach der Gründung, ist die Saßnitzer Schützengilde 1927/1990 e.V. ein aktiver Verein im Kreisschützenbund Vorpommern-Rügen. Den Vorsitz führt Helge Böttcher. Die Anlage wird zweimal wöchentlich für das Vereinstraining genutzt — dienstagnachmittags und samstagvormittags.
Was vor 99 Jahren begann, wird Dienstag um vierzehn Uhr fortgesetzt.— Vereinsleben heute
Im Jahr 2027 wird die Gilde ihr hundertjähriges Bestehen begehen — der richtige Anlass, die Lücken dieser Chronik zu schließen. Wer Erinnerungen, Dokumente, Fotos oder Erzählungen beisteuern kann, ist gebeten, sich beim Vorstand zu melden.
Helfen Sie uns, die Chronik zu schreiben.
Mitglieder, Nachfahren, Zeitzeugen, Heimatforscher: Wenn Sie zu einem der vier Akte etwas beitragen können — Fotos, Dokumente, Erzählungen — wenden Sie sich an den Vorstand.